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Anarchismus bedeutet salopp gesagt Freiheit, die Freiheit von der Herrschaft des Menschen über den Menschen.

Anarchismus ist die Gruppenbezeichnung für jede politisch-ideologische Strömung, die den Staat als Ausbeutungsinstrument der herrschenden Klasse des Kapitals und somit als Illegitim ansieht und für seine Abschaffung arbeitet.

DAS WORT ANARCHIE ist so alt wie die abendländische Zivilisation. Seit es Herrschaft gibt, gibt es auch Ideen herrschaftsfreien Lebens, und seit den alten Griechen ist uns das Wort an archia [αν αρχια] überliefert. Es bedeutet »keine Herrschaft«, also die Abwesenheit von Macht und Hierarchie. Ein provokantes Wort, das in den Köpfen der Menschen augenblicklich schlimme Visionen erzeugt: Chaos, Unordnung, Verwilderung, Zerstörung. So ist die Bedeutung des Wortes heute weitgehend auf die Ängste reduziert, die den Normalbürger bei dieser Vorstellung befallen; sein eigentlicher Wortsinn ging dabei komplett verloren. Was blieb, waren griffige ›Übersetzungen‹ wie »Gesetzlosigkeit«, »Zügellosigkeit«, »Chaos«. Das ist etwa genauso korrekt, wie wenn man die Begriffe »Zahnarzt« mit »Folter«, »Liebe« mit »Sünde« oder »Ökologie« mit »Rückschrittlichkeit« übersetzen würde. In der Umgangssprache mag dies ja noch als spontaner Ausdruck eines Angstgefühls hingenommen werden. Es geht jedoch um mehr als nur um Unwissenheit oder Ungenauigkeit.

Seit Jahrhunderten wird im offiziösen Sprachgebrauch dieser negative Begriff von Anarchie verwendet; seit dem 19. Jahrhundert in der offensichtlichen Absicht, den Anarchismus als Philosophie oder politische Bewegung zu diskreditieren. Aus diesem Grunde haben ganze Generationen von Politikern und Literaten, Kommunisten und Adligen, Pfarrern und Hausdamen diesen Begriff von Anarchie verbreitet. Für sie verbindet sich das Wort mit einem kalten Schauer und dem Gedanken an Weltuntergang, und diese apokalyptische Vision gaben sie millionenfach weiter. Selbst in seriösen Nachschlagewerken wie dem Duden wird Anarchie vorzugsweise und durchaus falsch mit »Gesetzlosigkeit« oder »Chaos im politischen Sinn« übersetzt. In der Duden-Redaktion aber sitzen gebildete Leute, die auch Liebe nicht mit Sünde übersetzen. Es handelt sich also nicht um irgendwelche unterschwelligen Ängste, sondern darum, wie subtil Sprache zur Meinungsmache benutzt werden kann. Die Formel Anarchie = Gesetzlosigkeit ist ja nicht bloß sprachlich falsch und inhaltlich schief, sie soll beim Leser etwas bewirken. Die Vorstellung nämlich, daß bei einer Verwirklichung anarchistischer Ideen die Gesellschaft zwangsweise ins Chaos stürzen müßte, und daß umgekehrt Herrschaft die einzig denkbare Form der Ordnung sei. Das aber ist Meinung, Spekulation, vielleicht Manipulation – mit einer korrekten Worterklärung hat es jedenfalls nichts zu tun.

»Aber wollen denn die Anarchisten nicht den Staat abschaffen, sind sie nicht Gegner von Justiz, Polizei und Gesetzbuch, und ist es da nicht richtig, ihnen ›Gesetzlosigkeit‹ vorzuwerfen?« könnte man fragen. Ersteres stimmt, und der Vorwurf wäre berechtigt, wenn der Anarchismus an die Stelle dieser Institutionen keine anderen Strukturen zu setzen wüßte. Die Ablehnung unseres heutigen Herrschafts-, Justiz- und Strafsystems heißt aber nicht, daß es keine Regeln, Vereinbarungen oder ethische Grenzen im gesellschaftlichen Zusammenleben mehr gäbe. Es sind schließlich auch andere Formen denkbar.

Daß die Inhaber der Macht diese aus wohlverstandenem Eigeninteresse bekämpfen, liegt auf der Hand. Daß die Phantasie der meisten Menschen nicht ausreicht, über das heute Bestehende hinauszudenken, ist wiederum nicht Schuld der Anarchisten. Andere Denker haben da mehr visionäres Vermögen bewiesen.

Immanuel Kant definierte Anarchie kurz und bündig als »Gesetz und Freiheit ohne Gewalt«. Für ihn ist der Begriff »Gesetz« eben nicht das Bürgerliche Gesetzbuch, sondern die Gesamtheit sozialer Regeln. Ähnliches mußte Elisée Reclus im Sinn gehabt haben, als er postulierte, »Anarchie ist die höchste Form der Ordnung«: Wenn Regeln unter Menschen freiwillig und ohne Gewaltanwendung eingehalten werden, so sei dies eine höhere Stufe gesellschaftlicher Entwicklung als die autoritäre, in der soziales Verhalten durch den Zwang des Staates, die Drohungen der Justiz und die Gewalt der Polizei ständig erzwungen werden müßte. Pierre-Joseph Proudhon, einer der Väter des modernen Anarchismus, griff das Wort »Anarchie« in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder auf und rührte es um 1840 mittels eines witzigen Dialogs mit einem Spießbürger in die Politik ein:

»Sind Sie Republikaner?« 

»Republikaner, ja: aber dieses Wort ist mir zu ungenau. Res publica, das sind die öffentlichen Belange … die Könige sind auch Republikaner.«

»Nanu, Sie sind Demokrat?«

»Nein.«

»Was, Sie wären Monarchist?«

»Nein.«

»Konstitutionalist?«

»Gott behüte!«

»Dann sind Sie Aristokrat?«

»Ganz und gar nicht.«

»Sie wollen eine gemischte Regierung?«

»Viel weniger.«

»Was sind Sie also?«

»Ich bin Anarchist«.

In den Augen Proudhons waren Staat und Regierung die eigentlichen Unruhestifter, ständige Produzenten von Chaos, Ungerechtigkeit und Armut. Folgerichtig konnte nur eine von der Regierungsgewalt befreite Gesellschaft in der Lage sein, eine »natürliche Ordnung der menschlichen Beziehungen«, die »soziale Harmonie«, wieder herzustellen. Hierfür suchte er nach einem passenden Begriff und verfiel auf den alten antiken griechischen Terminus an archia, dem er seinen genauen etymologischen Sinn wiedergab.

Die Doppeldeutigkeit des Wortes Anarchie wurde dadurch jedoch nicht aus der Welt geschafft. Bereits im alten Griechenland wurde der Begriff ambivalent benutzt; im positivem Sinne als Freiheit von Sklaverei wurde der Begriff z.B. in den Philosophenschulen des Stoizismus, Epikureismus, Kynikismus, Hedonismus und des Eudaemonismus begriffen, wobei die antiken Stoiker gar die Gleichheit aller Menschen postulierten (niemand solle in Ketten leben), im negativem Sinne wurde der Begriff von der griechischen Adelsklasse (den Eupatriarchis) verwendet, welche Anarchie (also Herrschaftslosigkeit) mit Ordnungslosigkeit, Führungslosigkeit und Chaos gleich setzten und ihre Meinung unter dem Volk verbreiteten, die Meinung der herrschenden Klasse, welche einen Verlust ihrer Sklaven befürchteten, seine negative Bedeutung setzte sich vollends in der Philosophensprache des katholischen Mittelalters durch.

Spätestens seit der Aufklärung aber wird der Begriff differenzierter verwendet. Allerdings ist es der jeweils herrschenden Ideologie stets gelungen, den Eingang solcher Unterscheidungen in die Umgangssprache zu verhindern. Heute ist der Begriff Anarchie daher durchweg negativ besetzt. Entsprechend heftig war in Anarchistenkreisen die Diskussion um neue Namen, mit denen man sich dieses Makels entledigen wollte. Einige nannten sich später »Föderalisten« (Anhänger eines nicht-zentralen Gemeinwesens auf der Basis gleichberechtigter Kommunen), andere »Mutualisten« (genossenschaftliche Ordnung auf dem Prinzip der gegenseitige Hilfe und Solidarität), »Kollektivisten« (Ordnung auf der Grundlage der Gemeinschaftlichkeit) oder »Syndikalisten« (libertäre Gesellschaft auf gewerkschaftlicher Basis). Alle diese Begriffe geben jedoch nur jeweils einen Teilaspekt anarchistischer Essentials wieder, und jeder von ihnen mußte im Laufe der Zeit ähnliche Verdrehungen seiner Bedeutung erfahren, wie das Wort Anarchie selbst. Auch das griechische Kunstwort Akratie, dessen Bedeutung mit der von Anarchie fast identisch ist, konnte sich nie auf Dauer durchsetzen. Die meisten Anarchisten sind schließlich zu der Meinung gelangt, sie könnten sich nennen wie sie wollten, verleumdet würden sie immer – weshalb sie ebensogut bei dem problematischen Wort Anarchie bleiben und ihm einen positiven Inhalt geben könnten. Einzig der um 1860 in Frankreich entstandene Ausdruck libertär (›freiheitlich‹ – nicht zu verwechseln mit liberal!) konnte sich weltweit durchsetzen und gilt heute als ein etwas weiter gefaßtes, im Grunde aber gleichwertiges Synonym für anarchistisch.

In neuerer Zeit sind Kapitalisten dazu übergegangen sich sogar selbst als Anarchisten und als Libertär zu bezeichnen, was eine weitere Wortverdrehung und Verleumdung des Anarchismus in das genaue Gegenteil bedeutet.

Anarchismus ist NICHT Chaos, NICHT Ordnungslosigkeit und definitiv NICHT Kapitalismus.

MIT SICHERHEIT SIND MEHR MENSCHEN »ANARCHISTEN« als nur diejenigen, die sich so nennen. Viele wissen es nur nicht. Jeder kennt diese Art ›natürlicher Anarchisten‹: Menschen, die sich nicht gerne etwas vorschreiben lassen, die das, was man ihnen sagt, kritisch hinterfragen und die sich weigern, etwas bestimmtes zu glauben oder zu tun, nur, weil es ihnen jemand, der Macht hat, so sagt. Der Widerstand gegen Herrschaft zieht sich seit altersher als stetiger Strang durch die Geschichte von Individuen und Gruppen: mal als listige Spaßvögel, mal als rebellierende Aufrührer, mal als aufmüpfige Querdenker. Ihre Taten und Figuren sind in Märchen, Liedern und Legenden überliefert, und in aller Welt erfreuen sich diese Aktionen der Kleinen gegen die Mächtigen der ungeteilten Sympathie des Publikums. Aktionen, deren Zielscheibe die Autorität und deren Wesen Freiheit und Gerechtigkeit sind.

Ähnliche Überlegungen gelten auch für fremde Kulturen oder sogenannte ›primitive‹ Gesellschaften, von denen einige ohne Regierung leben und in ihren Gemeinwesen die eine oder andere ›utopische‹ Forderung des klassischen Anarchismus seit jeher verwirklicht haben: Niemandem wäre damit gedient, diesem sozialen Alltag den Stempel ›anarchistisch‹ aufzudrücken. Soziologen und Völkerkundler ziehen hier den Begriff »regulierte Anarchie« vor. Die Schlüsse aber, die wir aus solchen Gesellschaften ziehen können, sind für Anarchisten wichtig und oft fruchtbarer und lehrreicher als so mancher gelehrte Disput. So interessant die Folgerungen sein mögen, die wir aus der millionenfachen Existenz von Menschen ziehen dürfen, die ›Anarchisten‹ sind, ohne es zu ahnen, wollen wir uns hier denjenigen zuwenden, die sich selber Anarchisten nennen und als Teil einer anarchistischen Bewegung verstehen. Interessanterweise waren viele dieser ›wirklichen‹ Anarchisten zuvor ›natürliche‹ Anarchisten, die irgendwann einmal ganz erstaunt entdeckten, daß das, was sie schon immer dachten, einen Namen hat und tatsächlich als Philosophie und Bewegung bereits existierte.

Wer also ist ›wirklicher‹ Anarchist?

Zunächst einmal jeder, der sich so nennt, denn niemand könnte es ihm ›verbieten‹. Nun sind Anarchisten aber für ihre Meinungsverschiedenheiten berüchtigt. Glücklicherweise gibt es jedoch eine Reihe von Übereinstimmungen, die auf die meisten Überzeugungsanarchisten zutreffen. Was also ist der ›gemeinsame Nenner‹?

Im Zentrum anarchistischen Handelns steht ein globaler Freiheitsbegriff. Freiheit soll Ziel sein und gleichzeitig Mittel zur Erreichung dieses Ziels.

Was aber ist ›Freiheit‹?

Für Anarchisten ist dieses Wort mehr als ein liberaler Wischiwaschi-Begriff; sie haben daher stets versucht, ihn mit konkreten Inhalten, Forderungen und Modellen zu füllen. Dem Anarchismus genügen dabei keine Teilfreiheiten wie etwa den Liberalen die Freiheit des Handels, den Nationalisten die Freiheit des Vaterlandes oder den Aufklärern die Freiheit des Geistes. Freiheit sollte allumfassend und unteilbar sein, ein Prinzip, das das menschliche Leben von den persönlichsten und alltäglichsten Aspekten bis hin zu weltweiten Organisationsstrukturen bestimmt. Freiheit sei aber ein leeres Wort und wertlos, wenn es nicht mit sozialer Gerechtigkeit gekoppelt wäre. Und soziale Gerechtigkeit sei ohne soziale Gleichheit nicht denkbar. Anarchisten sehen das so: Auf der Erde sind theoretisch alle Menschen gleich frei, Millionär zu werden, aber wir alle wissen, daß diese ›Freiheit‹ ein inhaltsleerer Unsinn ist: Schließlich können wir nicht alle auf Kosten anderer reich werden. Andererseits ist es in unseren Gesellschaften einem Millionär ebenso verboten, unter einer Brücke zu schlafen wie einem Stadtstreicher – auch hier herrscht Gleichheit, aber es ist offensichtlich, daß diese Art von ›Gleichheit‹ ohne soziale Gerechtigkeit wertlos ist. Darum ist Anarchismus, vereinfacht gesagt, die Verbindung von Freiheit und Sozialismus; für Freunde griffiger Formeln könnten wir die Gleichung A = F + S aufstellen. Dabei sollte klar sein, daß der Anarchismus unter »S« etwas völlig anderes definiert als das, was man gängigerweise unter »Sozialismus« versteht und bisher nur aus den kläglichen Modellen des Marxismus oder der Sozialdemokratie kennenlernen konnte.

Michail Bakunin, die charismatische Urgestalt des Anarchismus, hat dieses Spannungsfeld zwischen sozialem und freiheitlichem Ansatz auf den Punkt gebracht:

»Freiheit ohne Sozialismus ist Privilegientum und Ungerechtigkeit – und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität«.

Wenn man bedenkt, daß er diesen Satz um 1870 niederschrieb, könnte man seine Sicht für geradezu prophetisch halten – wer konnte damals schon voraussehen, welche Wege der ›unfreie Sozialismus‹ etwa in Rußland, Rumänien, Kambodscha oder Ostdeutschland gehen würde! Wir können sagen, daß die meisten aktiven Anarchisten in freiheitlich-sozialen Bewegungen engagiert sind; man nennt dies den ›sozialen Anarchismus‹. Hierbei gibt es die verschiedensten Ansätze, Taktiken und Vorgehensweisen, die in der Regel eine konstruktive Zielrichtung haben. Die meisten wollen die bestehende Gesellschaft im freiheitlich-sozialen Sinne verändern, die unfreien Institutionen nach Kräften zersetzen und gleichzeitig neue Modelle ausprobieren und heranwachsen lassen, die an die Stelle der alten Strukturen treten sollen.

Leider aber lassen es unsere Gesellschaften nur selten zu, daß der Anarchismus konstruktiv tätig ist. Oft genug muß er sich auf reine Verteidigung beschränken. In der Tat sind heute die meisten Anarchisten vollauf damit beschäftigt, auf die zunehmende Einengung von Freiheit und Lebensgrundlagen zu reagieren. Solche ›reaktiven Kämpfe‹ – seien sie nun gegen Rüstung, Atomkraftwerke, Umweltzerstörung, Wohnungsnot, Armut, Behördensumpf, Polizeiwillkür, Justizarroganz, Entlassungen, soziale und geschlechtliche Diskriminierung, tarifpolitische Erpressung, gegen sogenannte Anarcho-Kapitalisten oder rechtsradikale Angriffe gerichtet – kennen wir alle aus Gegenwart und jüngster Vergangenheit. Gewiß sind sie notwendig und politisch wichtig, aber sie machen ›den Anarchisten‹ nicht aus: Nur allzuoft nämlich geht den pausenlos Handelnden das Ziel verloren. Die Aktionen lösen sich meist, wenn der Anlaß nicht mehr existiert, in Nichts auf. Sie bieten wenig Raum für konstruktive Ansätze, die auf eine neue Gesellschaft abzielen. Häufig benutzt sie das klug herrschende System auch als ein Mittel, um die Kräfte ihrer Gegner in jahrelangen, aufreibenden Kämpfen zu binden.

Kein aufrechter Anarchist würde sich solchen Kämpfen entziehen wollen und teilnahmslos Unterdrückung und Unrecht zusehen. Es kommt dem Anarchismus aber entscheidend darauf an, die Verbindung zwischen bloßer Reaktion und dem konstruktiven libertären Element herzustellen. Mit anderen Worten: Aus dem Kampf gegen Atomkraftwerke müßte ein Kampf für Ökologie werden und aus dem Kampf gegen Rüstung ein Kampf für eine friedliche Gesellschaft, aus gewerkschaftlicher Aktion müßten neue Wirtschafts- und Arbeitsmodelle entstehen und so weiter. Denn all das ergäbe für Anarchisten nur dann wirklich einen Sinn, wenn sich schließlich alle diese Teilbereiche zum Gesamtkonzept einer anderen Gesellschaft verbinden. Kurz: der Kampf gegen die alten Verhältnisse darf nicht zum Ritual werden – er muß Ansätze für Neues hervorbringen: Widerstand gebiert Modelle.

Das ist leichter gesagt als getan. Die Inhaber der Macht tun natürlich alles – bis hin zum Einsatz direkter Gewalt –, um eine freiheitliche Konkurrenz niederzudrücken, die ihnen diese Macht nehmen will. Deshalb hat es auch zu allen Zeiten Anarchisten gegeben, die das konstruktive Element des Anarchismus irgendwann völlig aus den Augen verloren. Voller Haß und Verzweiflung gingen sie dazu über, das System, wo immer sie konnten, direkt und frontal – also ›militärisch‹ – anzugreifen. Terror, bis dahin ein Monopol des Staates und der Kirche, wurde zeitweise das vorherrschende Mittel einiger anarchistischer Strömungen. Der Höhepunkt dieser Gewaltphase des Anarchismus lag zwischen 1891 und 1894; heute spielt Terror in der libertären Bewegung keine Rolle mehr. Tatsächlich gibt es im modernen Anarchismus weit mehr Pazifisten als Befürworter irgendwelcher Formen von Gewalt. Dennoch hat jene kurze, historische Phase von Attentaten, Überfällen und Tyrannenmorden bis heute das Bild vom Anarchisten nachhaltig beeinflußt: Ebensooft, wie Anarchismus mit ›Chaos‹ und ›Gesetzlosigkeit‹ gleichgesetzt wird, bringt man ihn auch mit ›Gewalt‹ und ›Terror‹ in Verbindung. Das ist allerdings Unfug, denn die Frage der Gewalt ist für den Anarchismus weder typisch noch prägend. Wie wir gesehen haben, ist das Aktionsfeld des sozialen Anarchismus breit gefächert und entfaltet sich zwischen den Polen Widerstand, Aktion, Konstruktivität, Aufklärung und experimentellen Modellen. Die allermeisten Anarchisten sind auf diesem breiten sozialen Terrain irgendwo in irgendeiner Weise engagiert.

Es gibt indes auch Anarchisten, die den Anarchismus mehr als private Lebensphilosophie verstehen und – aus welchen Gründen auch immer – keinen Sinn darin sehen, unsere Welt tatsächlich verändern zu wollen. Diese ›philosophischen Anarchisten‹ pflegen entweder einen entsprechenden Lebensstil – zum Beispiel den des Bohemiens oder Nonkonformisten –,schreiben bisweilen kluge Bücher oder sind derart individualistisch, daß ihr ›Anarchismus‹ überhaupt keine praktischen Konsequenzen hat. Bis etwa 1840 war der ›philosophische Anarchismus‹ die am meisten verbreitete Strömung und brachte eine eher folgenlose Literatur hervor, in der Überlegungen über die Anarchie und den Gang der Welt angestellt wurden. Die meisten ›philosophischen Anarchisten‹ unserer Tage sind in keinerlei Bewegungen organisiert und werden deshalb auch nicht zum ›sozialen Anarchismus‹ gerechnet. Die sozial aktiven Anarchisten neigen dazu, ihre rein philosophischen Gesinnungsgenossen zu verachten. Das ist verständlich, wenn auch unklug, denn immerhin trägt auch eine an-archische Attitüde zur Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas bei, das dem sozialen Anarchismus nur dienlich sein kann.

Bisher haben wir uns nur mit der ›Außenwirkung‹ des anarchistischen Menschen befaßt. Wie aber steht es mit den persönlichen Konsequenzen im eigenen Leben? Auch hier ist der Anspruch in der Regel groß: Anarchisten streben an, ihre Ideale nicht nur für eine ferne Zukunft zu konzipieren. Sie möchten nach Möglichkeit schon hier und heute damit beginnen, sie zu verwirklichen und vorzuleben – und sei es auch nur in kleinen Ansätzen und so unzulänglich, wie dies inmitten einer autoritären Umgebung auch immer sein mag. Das bedeutet natürlich, daß sie die Meßlatte anarchistischer Ansprüche auch an sich selbst legen müssen, was wiederum zu Konsequenzen führt, die nicht immer leicht einzuhalten sind – besonders innerhalb einer Gesellschaft, die in fast allen Punkten das Gegenteil predigt und belohnt. Anarchistische Toleranz, Verzicht auf Herrschaft, andere Umgangsformen zwischen Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, Mehrheiten und Minderheiten, eine souveräne Einstellung zu Eigentum, Sexualität und Arbeit – all das und vieles mehr sind Dinge, an denen eine anarchistische Ethik mit privaten Konsequenzen entwickelt und eingeübt werden will. Nach Tausenden von Jahren staatlich-autoritärer Ethik ist dies kein leichtes Unterfangen, und etliche scheitern an ihren eigenen Ansprüchen. Andererseits ist der Anarchismus kein Modell für Heilige, sondern für Menschen. Das schließt das Recht mit ein, unvollkommen zu sein und Fehler machen zu dürfen. Vor allem aber – und das entpuppt sich oft als das Schwierigste – gibt es darüber, was ›richtig‹ und ›falsch‹ ist naturgemäß viele Meinungen. Der Anarchismus würde sich in dem Moment selbst verraten, wo er diese Unterschiede zwangsweise weghobeln wollte. Die Tatsache aber, daß die meisten Anarchisten ihre Ansprüche zum Prüfstein ihres eigenen Lebens machen, zeigt, daß sie keine Doktrin der Zwangsbeglückung vertreten, in der die Menschen irgendwelchen Idealen einer Avantgarde gehorchen sollen, die diese selbst nicht einzuhalten gewillt ist.

Der Anarchismus ist ein großes Dach, ein Basar der Vielfalt, ein Feld des Experiments. Im Grunde kann sich jeder unter dieses Dach stellen und sagen »Ich bin Anarchist!«. Darüber, ob das stimmt und was der einzelne unter »Anarchismus« versteht, gibt es keine endgültige Antwort. Anarchismus ist Suche und Experiment unter dem Vorzeichen der Vielfalt. Im Grunde ist jeder Anarchist, der ernsthaft sucht.

A = F + S

Freiheit + Sozialismus = Anarchie

»Freiheit ohne Sozialismus ist Privilegientum und Ungerechtigkeit – und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität«.

Freiheit ohne Sozialismus (Anarcho-Kapitalismus) ist Privilegientum und Ungerechtigkeit

Sozialismus ohne Freiheit (Marxismus) ist Sklaverei und Brutalität

Denn "Eigentum" bedeutet die Herrschaft über Dinge , die von anderen NICHT genutzt werden dürfen. Dafür existiert der Staat, jeder Staat. Ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung genügt, um zu erkennen, dass die Produktivität in den letzten Jahrzehnten derart angestiegen ist, dass der normale Bedarf hundertfach gedeckt werden könnte. Damit wird Eigentum nicht nur zu einer Beeinträchtigung für das Wohl des Menschen, sondern sogar zu einem Hindernis, einer tödlichen Sperre für jeglichen Fortschritt. Es ist die private Herrschaft über Dinge, die Millionen von Menschen ins Nichts zwingt, sie zu lebenden Körpern macht, die keine Originalität und Initiative mehr besitzen, zu menschlichen Maschinen aus Fleisch und Blut, die bergeweise Wohlstand für andere schaffen und dafür mit ihrer eigenen grauen, stumpfen und elenden Existenz bezahlen. Privatisiertes Trinkwasser, privatisierte Luft zum Atmen, privatisierte Freiheit, nur für diejenigen welche es sich auch leisten können, das ist nämlich die Quintessenz hinter jeder Eigentumsideologie.  

Ich bin der Meinung, dass es keinen wahren Wohlstand, gesellschaftlichen Wohlstand, geben kann, solange dafür menschliches Leben geopfert wird - junges Leben, altes Leben und entstehendes Leben. 

Sämtliche radikalen Denker räumen ein, dass die Hauptursachen dieser schrecklichen Situation folgende sind:

(1) dass der Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss;

(2) dass seine Neigungen und sein Urteil dem Willen eines Herren unterworfen sind. Der Anarchismus ist die einzige Philosophie, die diese erniedrigende und demütigende Situation beenden kann und dies auch tun wird. Was ihn von allen anderen Theorien unterscheidet, ist die Grundeinstellung, dass allein die Entwicklung des Menschen, sein physisches Wohlergehen, seine latenten Qualitäten und angeborenen Anlagen die Art und die Bedingungen seiner Arbeit bestimmen dürfen. 

Gleichzeitig soll es seiner physischen und mentalen Einschätzung und dem Verlangen seiner Seele überlassen sein, wie viel er konsumiert. 

Ich bin der Ansicht, dass dies nur in einer Gesellschaft möglich ist, die auf der freiwilligen Zusammenarbeit produktiver, lose miteinander verbundener Gruppen, Gemeinschaften und Verbände beruht. Daraus wird sich schließlich ein freier, von Interessensolidarität bestimmter Kommunismus entwickeln- 

Im weitesten Sinne des Wortes kann es keine Freiheit, keine harmonische Entwicklung geben, solange das persönliche Verhalten maßgeblich von Geldgier und finanziellen Überlegungen bestimmt wird. 

Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie Teil 1 von 2

Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie Teil 1 von 2

  
Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie Teil 2 von 2

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Chomsky explaining real anarchism

Chomsky explaining real anarchism

 

Anarcho-ABearbeiten

Das Anarcho-A ist ein von vielen Anarchisten verwendetes Symbol, der Ursprung dieses Zeichens scheint in der klassisch-griechischen Antike zu liegen wie Professor Peter Marshall feststellte.

UrsprungBearbeiten

Datei:Spiegel Detail.gif
Datei:Ait.jpg

Der genaue Ursprung des Symbols in der Neuzeit scheint in der Pariser Kommune zu liegen. Es soll sich im Mittelalter schon in der alchemistischen Schrift "Der Spiegel der Kunst und Natur" finden. Möglicherweise fand das Symbol über die Alchemie Eingang in die Freimaurerei und Rosenkreuzerei, welche grade im 18./19. Jahrhundert Horte für viele Freigeister und somit auch Anarchisten waren (welche hätten sie ihre Meinung frei und öffentlich ausgesprochen, zweifelslos eingekerkert worden wären).

Erstmals in Verbindung mit der Sozialistisch/Kommunistisch/Anarchistischen Bewegung der heutigen Zeit wurde das Symbol vom Spanischen Rat der ersten Internationale benutzt, wo es vermutlich vom Freimaurer und Anarchisten Giuseppe Fanelli 1868 eingebracht wurde. Später wurde es im Spanischen Bürgerkrieg gegen den Franco-Faschismus verwendet wie ein Foto belegt. Da sich viele Mitglieder mit europäischen Arbeiterbewegung mit der spanischen Bevölkerung solidarisierten und an diesem Bürgerkrieg teilnahmen kann das Symbol sich danach weiter ausgebreitet haben.

Populär wurde das Zeichen allerdings erst in den 1970ern, als es in der Punk-Bewegung verwendet wurde.

InterpretationenBearbeiten

Alpha & OmegaBearbeiten

Das Anarcho-Zeichen ist eine Vereinigung aus dem Buchstaben A und O (Alpha & Omega), über die es in der Offenbarung des Johannes 22,13 heist: "Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende."

Das A liegt in dem O, was als neuer Anfang nach dem Ende oder Ordnung im Chaos gedeutet werden kann (vgl. Ordo ab Chao).

Allerdings lässt es auch den Schluss "Ordnung ist Chaos" zu (vgl. Auferlegung von Ordnung = Eskalation von Chaos oder Pierre Joseph Proudhon "Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft.")

Stilisierte Pyramide mit AugeBearbeiten

Datei:USA Great Seal Reverse.png

Besonders die symetrischen Darstellungen dieses Symbols erinnern an die Pyramide auf dem Dollarschein.

WeblinksBearbeiten

An Anarchist FAQ

http://www.anarchismus.at/geschichte-des-anarchismus/verschiedenes/6601-soziale-revolution-in-der-jungsteinzeit-catal-hueyuek

http://www.urkommunismus.de/catalhueyuek.html

http://www.anarchismus.de/medien/freiheit-pur.pdf