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Die Protokolle der Weisen von Zion sind ein aus mehreren fiktionalen Texten zusammengestelltes politisches Pamphlet. Als schwarze Propaganda geben sie vor, "Geheimdokumente" einer Weltverschwörung durch das Judentum zu sein, es handelt sich allerdings um eine Fälschung von Antisemiten zur Denunziation des Judentums. Seit ihrer ersten Verbreitung zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehören sie zu den Standardwerken der meisten Antisemiten.

Als Bestandteil des Nationalsozialistischen Rassenwahns haben sie zur Ermordung und Folterung von Millionen Frauen, Männern und Kindern beigetragen.

InhaltBearbeiten

Die Protokolle wurden als geheime Dokumente einer jüdischen Weltverschwörung ausgegeben. Tatsächlich handelt es sich aber um eine Zusammenstellung mehrerer fiktionaler Texte. Der etwa achtzig Seiten lange Text ist in 24 Abschnitte unterteilt, jeder entspricht einer angeblichen Sitzung und enthält eine fiktive Rede, die ein jüdischer Führer vor der Versammlung der „Weisen von Zion“ gehalten haben soll.

Der anonyme Sprecher erläutert, wie das angebliche Weltjudentum plane, die Regierungen in den verschiedenen Staaten und damit die Weltherrschaft zu übernehmen, die er als „Gewaltherrschaft“ und „allumfassenden Terror“ beschreibt.(Quelle im folgenden Jeffrey L. Sammons (Hrsg): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus. Eine Fälschung. Text und Kommentar, Wallstein, Göttingen, 2. Aufl. 2001, S. 27–115) Unter anderem führt er aus:

"Unsere Losung ist: Macht und Hinterlist. Nur die Macht erringt den Sieg in staatsrechtlichen Fragen, namentlich wenn sie sich an solche Persönlichkeiten heranmacht, die etwas im Staate zu sagen haben. Die Gewalt bildet die Grundlage, aber List und Verschlagenheit wirken als Machtmittel für solche Regierungen, die nicht gewillt sind, ihre Krone den Vertretern irgend einer neuen Macht zu Füßen zu legen." - S. 34.

Die Parole der Französischen Revolution, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, sei von den Juden ausgestreut worden, um durch den Druck des Pöbels die wahre Freiheit und die Wohlfahrt des Staates zu zerstören. In der Gegenwart würden sich die Juden den pauperisierten Arbeitern als Befreier präsentieren. Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten seien das von ihnen eigens aufgestellte „Heer der jüdischen Freimaurerlogen“, mit dem sie „der Arbeiterschaft einen allgemeinen Menschheitsdienst im brüderlichen Sinne vortäuschen“ würden. In Wahrheit würden die Juden aber dafür sorgen, dass die Arbeiter weiterhin dauerhaft Hunger litten, was diese nachhaltig schwächen und dem Kapital mehr Macht über sie gäbe, als jemals die gesetzliche Macht der Könige dem Adel verleihen konnte.

"Durch Not, Neid und Hass werden wir die Massen lenken und uns ihrer Hände bedienen, um alles zu zermalmen, was sich unseren Plänen entgegenstellt." - S. 40f

Um ihre Weltherrschaftspläne durchzusetzen, lässt der Text die fiktiven Verschwörer auch vor Kriegen nicht zurückschrecken:

"Sobald ein nichtjüdischer Staat es wagt, uns Widerstand zu leisten, müssen wir in der Lage sein, seine Nachbarn zum Krieg gegen ihn zu veranlassen. Wollen aber auch die Nachbarn gemeinsame Sache mit ihm machen und gegen uns vorgehen, so müssen wir den Weltkrieg entfesseln." - S. 53

Der Antisemitismus sei eine Erfindung der Juden selbst. Er diene dem Zweck, „unsere Brüder aus den unteren Schichten zusammenzuhalten“.(S. 56) Die Pressefreiheit sei ebenfalls ihre Erfindung, nicht nur zum Zweck, Reichtum aufzuhäufen, sondern auch um entscheidenden Einfluss auf die Politik der souveränen Nationalstaaten auszuüben:

"Zeitungen und Zeitschriften sind die beiden wichtigsten Mittel zur Beherrschung des Geisteslebens. Aus diesem Grunde wird unsere Regierung das Eigentumsrecht der meisten Zeitungen und Zeitschriften erwerben. Sie wird dadurch vor allem den schädlichen Einfluß der nicht amtlichen Presse ausschalten." - S. 69

Auf diesem Wege würden die Juden die gesamte Gesellschaft mit ihren Spitzeln, Zuträgern und Helfern durchsetzen, die bewusst oder unbewusst ihre Herrschaft sicherten:

"Wie der indische Götze Wischnu mit hundert Händen abgebildet wird, die seine Allgewalt versinnbildlichen sollen, so werden auch wir über unzählige Hilfskräfte verfügen. […] Unsere Helfershelfer werden den verschiedensten Gesellschaftsschichten angehören: Höhere Verwaltungsbeamte, Verleger, Druckereibesitzer, Buchhändler, Kaufleute, Arbeiter, Dienstboten, Kutscher und viele andere Personen werden unter ihnen zu finden sein." - S. 91f

Ein weiteres Mittel, die Staaten zu kontrollieren, sei der Goldstandard, der eine Verknappung der Zahlungsmittel mit sich bringe und die Regierungen dazu verleite, sich über Staatsanleihen bei den Juden zu verschulden:

"Die Anleihen hängen wie ein Damoklesschwert über dem Haupte der nichtjüdischen Herrscher; statt ihren Bedarf im Wege einer einmaligen außerordentlichen Steuer bei ihren Untertanen zu decken, betteln sie mit flehend erhobenen Händen unsere jüdischen Geldgeber an." - S. 102

Für den Fall, dass die Regierungen der Welt diese gigantische Verschwörung entdecken und sich der Macht der Juden entgegenstellen würden, habe man „ein letztes, fürchterliches Mittel in der Hand, vor dem selbst die tapfersten Herzen erzittern sollen“: Gemeint sind Untergrundbahnen, die zur Zeit der Abfassung der Protokolle gerade in London und Paris gebaut wurden:

"Bald werden alle Hauptstädte von Stollen der Untergrundbahnen durchzogen sein; von diesen Stollen aus werden wir im Falle einer Gefahr für uns die ganzen Städte mit den Staatsleitungen, Ämtern, Urkundensammlungen und den Nichtjuden mit ihrem Hab und Gut in die Luft sprengen." - S. 17

verdächtige AutorenBearbeiten

Der Autor der Protokolle ist nach wie vor unbekannt. Viele Experten haben ihn bisher in den Kreisen der zaristischen Geheimpolizei Okhrana vermutet. Besonders Piotr Rachkovskii (1853-1910), Leiter der Abteilung für Auslandsfragen in Paris und sein Assistent Matvei Golovinskii (1865-1920) standen unter Verdacht, die Protokolle gefälscht zu haben, doch ihr Anteil an deren Ausgestaltung ist umstritten.

EntstehungBearbeiten

Text-QuellenBearbeiten

Dialogue aux enfers entre Machiavel et MontesquieuBearbeiten

Ein Vorläufer der Protokolle ist die satirische Schrift Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu (Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu), die der Franzose Maurice Joly 1864 herausgab. Diese Satire enthielt noch keinerlei antisemitische Züge. Sie attackierte vielmehr Napoleon III.. Joly wurde für diese Schrift fünfzehn Monate inhaftiert. Joly selbst hat, wie Umberto Eco in einer Untersuchung zu den Protokollen zeigte, Anleihen bei Eugène Sue, einem französischen Autor des 19. Jahrhunderts gemacht, dessen Roman Les Mystères du Peuple eine Quelle für die Dialoge gewesen ist.

Der britische Historiker Norman Cohn fand in der französischen Bibliothèque Nationale eine Ausgabe der Dialogue, in der handschriftliche Anmerkungen mit den Entlehnungen aus den Protokollen übereinstimmten. (Warrant for Genocide, 1970, S. 113)

BiarritzBearbeiten

Bei der Ausformung des Mythos spielte auch ein Groschenroman des Deutschen Herrmann Goedsche, ein ehemaliger Beamter bei der preußischen Post, eine Rolle. Goedsche publizierte 1868 unter dem Pseudonym "Sir John Retcliff" einen Sensationsroman namens Biarritz, in dem von einer Versammlung auf dem Friedhof von Prag die Rede ist, in der Vertreter der zwölf Stämme Israels einen Plan für die Eroberung der Welt besprechen.

Verwischung von Fakten und FiktionBearbeiten

Die Szene aus Biarritz taucht 1876 in einer russischen Hetzschrift erneut auf, schildert aber die bei Goedsche noch fiktive Geschichte als Tatsachenbericht, ein Jahr später taucht die Rede in Deutschland, Frankreich und Österreich auf.

1881 druckte die französische katholische Zeitung Le Contemporain die Geschichte etwas modifiziert ab (die zwölf Reden werden nun zu einer einzigen zusammengefasst). Le Contemporain gibt an, den "Bericht" aus einem bald erscheinenden Buch des englischen Diplomaten "Sir John Readcliff" (offenbar angelehnt an Goedsches Pseudonym) übernommen zu haben.

Verfestigung des TextesBearbeiten

verdächtige Autoren und Weg nach RusslandBearbeiten

Der Autor der Protokolle ist nach wie vor unbekannt. Viele Experten haben ihn bisher in den Kreisen der zaristischen Geheimpolizei Okhrana vermutet. Besonders Piotr Rachkovskii (1853-1910), Leiter der Abteilung für Auslandsfragen in Paris und sein Assistent Matvei Golovinskii (1865-1920) standen unter Verdacht, die Protokolle gefälscht zu haben, doch ihr Anteil an deren Ausgestaltung ist umstritten.

Nach dem britischen Historiker Norman Cohn seien die Protokolle 1897 oder 1898, während der Dreyfus-Affäre, in Frankreich verfasst worden. James Webb (Das Zeitalter des Irrationalen, S. 222ff) vermutet das die Protokolle durch die Theosophin Juliana Glinka, der Tochter eines russischen Diplomaten, von Frankreich nach Russland gebracht wurden. Glinka hätte versucht russische Terroristen im Pariser Exil über ihren Freund, den General und Orchrana-Beamten Orzhejewskij, anzuzeigen und hatte bereits eine andere antisemitische Schrift (Das Geheimnis der Juden) nach Russland gebracht. Auch andere Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft, wie Madamm Blavatsky, standen im Verdacht im Bund mit der russischen Geheimpolizei zu sein.

Erste PublikationenBearbeiten

Die wohl früheste Version der eigentlichen Protokolle wurde im August und September 1903 in der St. Petersburger Zeitung Znamia abgedruckt, doch die Version, die schließlich weltweit verbreitet wurde, stammt aus der zweiten Ausgabe des Buchs von Sergej Nilus (1862-1929), Das Große im Kleinen, erschienen 1905.

VerbreitungBearbeiten

1920 gibt es überall in Europa Übersetzungen der Protokolle. Zur Verbreitung der Protokolle dürfte insbesondere die Oktoberrevolution beigetragen haben, die viele russische Nationalisten ins Exil drängte. Einige sehen auch eine starke Beteiligung von jüdischen Bevölkerungsteilen an Februar- und Oktoberrevolution als Grund dafür an, dass sich viele Antisemiten in ihren Verschwörungsglauben bestätigt sahen, diese dürfte allerdings viel mehr durch die Repressionen gegenüber den Juden im zaristischen Russland begründet gewesen sein. (siehe auch: Schwarzhundertschaften)

In Deutschland avancierten die Übersetzungen der Antisemiten Ludwig Müller, alias Gottfried zur Beek und Theodor Fritsch zur Grundlage des Nationalsozialismus und zu einem Motiv für den Holocaust. Die britische Übersetzung der Protokolle unter dem Titel The Jewish Peril kam Anfang 1920 auf den Markt. In den USA brachte der Industrielle Henry Ford The International Jew: The world's foremost problem heraus, das die Protokolle propagierte und in 16 Sprachen übertragen wurde. Fortan reisten die Protokolle um die Welt, nach Frankreich, Norwegen, Dänemark, Polen, Bulgarien, Italien, Griechenland und erreichten schließlich sogar Japan und China.

1924 schreibt Adolf Hitler Mein Kampf, in dem er die Kernaussage der Protokolle verarbeitet.

Auch juristische Maßnahmen gegen die Herausgeber der Protokolle zwischen 1933 und 1935 in Bern halfen nicht. In ihrem Urteil von Mai 1935 erklärten die Richter die Protokolle zwar als Plagiat und Schundliteratur und verurteilten die Herausgeber zu einer Geldstrafe, das Urteil wurde jedoch im November 1937 aus formaljuristischen Gründen kassiert.

Nach 1945Bearbeiten

Auch wenn die Protokolle seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs länger aus dem Blickfeld verschwunden waren, hat sich der Glaube an das jüdische Welteroberungsprogramm um die ganze Welt verbreitet. Bis 1970 wurden mindestens neun Editionen der Protokolle in der arabischen Welt gedruckt. Heute schätzt man ihre Verbreitung auf 60 verschiedenen arabische Editionen, die in den Metropolen zirkulieren und leicht zugänglich sind.

Sie tauchten Mitte der Neunziger in Osteuropa wieder auf, wurden zuvor in Afrika und Südamerika, Pakistan, Malaysia und Japan veröffentlicht. In den USA sorgten in den siebziger Jahren die rechtsextremen Gruppierungen National States Rights Party und die California Noontide Press für den Vertrieb. Von Vertretern der rechtsextremen Militias werden sie heute ebenso propagiert wie von den Anhängern der fundamentalistischen Nation of Islam.

Auch deutsche Antisemiten, wie etwa Horst Mahler berufen sich auf die Protokolle.

Robert Anton Wilson schrieb, dass Verfechter der Protokolle häufig so argumentieren: "Wenn das Fälschungen sind, wie kommt es dann, daß so vieles davon schon wahr geworden ist?" (vgl. cold reading)

Neben dem Dialog von Maurice Joly nennt Wilson noch zwei weitere Quellen: Zum einen die antisemitischen Legenden/Vorurteile gegenüber Juden aus dem Mittelalter, zum anderen die Verschwörungstheorie Abbé Barruels, die besagt, die Juden stecken hinter der Freimaurerei und hinter der Französischen Revolution.

Verwendung in heutigen VerschwörungstheorienBearbeiten

Trotz der Tatsache, dass die Protokolle der Weisen von Zion als Fälschung entlarvt worden sind, berufen sich immer wieder auch, z.T. auch gemäßigte, Verschwörungstheoretiker auf die Protokolle. Gemäßigte Theoretiker distanzieren sich dabei vom Vorwurf des Antisemitismus in dem sie aussagen, dass der Plan der Protokolle zwar durchgeführt wird, diejenigen, die ihn durchführen, aber keinesfalls mit dem Judentum identisch wären, denn Macht/Geld kenne keine Religion.

Hierbei stellt sich allerdings die Frage, warum es zur Darstellung dieses Planes notwendig ist, die Protokolle überhaupt zu verwenden, denn die Machtpolitik, die in den Protokollen geschildert ist, hat andernorts einen bekannten Ursprung. Die Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu, Quellschrift der Protokolle, polemisieren gegen den Machiavellismus, eine machtpolitische Strömung die auf die Schrift Der Fürst von Niccolo Machiavelli zurückgeht und kurz mit "der Zweck heiligt die Mittel" zusammengefasst werden kann.

Warum man statt auf die Protokolle nicht auf Der Fürst zurückgreift, liegt wohl in einem oberflächlicheren Grund: Der Fürst präsentiert nur die Mittel eines Machtpolitikers, die Protokolle liefern aber dazu noch einen Sündenbock, den man die Verwendung dieser Mittel anhängen kann, da sie aus der Perspektive des Anwenders geschrieben sind.

Somit erklärt sich auch leicht warum man überall über die Methoden der Protokolle zu stolpern glaubt: Diese Methoden sind keineswegs ein Geheimwissen eines Verschwörers, sondern schon seit Jahrhunderten bekannt und werden ebenso lange schon von verschiedensten Gruppen und Personen angewendet.

Die Protokolle erfüllen somit heute bei gemäßigten Verschwörungstheoretikern eine ähnliche Funktion wie sie für Antisemiten erfüllen, sie stellen nicht den Plan dar, sondern die Bösartigkeit die man dem Verschwörer unterstellt bzw. in ihn rein imagniert.

Zitat Bearbeiten

"... Ich studiere noch einmal eingehend die Zionistischen Protokolle. Bisher war mir immer entgegengehalten worden, sie eigneten sich nicht für die aktuelle Propaganda. Ich stelle bei meiner Lektüre fest, daß wir sie sehr wohl gebrauchen können." -- Joseph Goebbels Tagebucheintragung 13. März 1943

Literatur Bearbeiten

  • Ben-Itto, Hadassa: „Die Protokolle der Weisen von Zion". Anatomie einer Fälschung. Berlin: Aufbau-Verlag, 1998.
  • Eco, Umberto: Fiktive Protokolle, in: ders., Im Wald der Fiktionen. Sechs Streifzüge durch die Literatur, München 1994, S. 155-184. Vorabdruck unter dem Titel: Eine Fiktion, die zum Albtraum wird. Die Protokolle der Weisen von Zion und ihre Entstehung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2.7.1994.
  • Pfahl-Traughber, Armin: Die Protokolle der Weisen von Zion: Der Nachweis der Fälschung und die tatsächliche Entstehungsgeschichte. In: Beiträge zum Verständnis des jüdischen Schicksals in Vergangenheit und Gegenwart, 46. Jg. (1990), H. 1, S. 22-31.
  • Sammons, Jeffrey L. (Hrsg.): Die Protokolle der Weisen von Zion: die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar. Zweite, unveränderte Auflage 2001. Göttingen 1998.

Siehe auchBearbeiten

Weblinks Bearbeiten

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